| Das
Agentenpaar Mauss schlägt zurück und wirft deutschen
Journalisten „Pressekriminalität" vor. Die zweite Uhr am Handgelenk ist keine Protzerei.
Mit jedem Blick aufs Zifferblatt - die Zeiger sind
auf deutsche Zeit sechs Stunden vorgestellt - ist
Ida Mauss in Gedanken bei ihren drei Söhnen daheim.
Die Jungs, sechs, zehn und 14 Jahre alt, warten
sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Eltern aus
Kolumbien.
Das familiäre Happy-End ist nach harten Monaten der
Trennung in Sichtweite: Das Verfahren gegen den
skandalumwitterten Privatagenten Werner Mauss, 57,
und seine Frau Ida, am 16. November 1996 wegen
Unterstützung der Guerillagruppe ELN und Beihilfe
zur Entführung verhaftet, steht kurz vor der
Einstellung.
Dennoch bleibt tiefe Verbitterung: Das Mauss-Duo
sieht sich als Opfer einer Intrigantentruppe - an
der Spitze „Der Spiegel" und sein Ex-Reporter Hans
Leyendecker, heute leitender politischer Redakteur
der „Süddeutschen Zeitung".
In einem offenen Brief liest Ida Mauss ihrem
Duzfreund, dem „lieben Hans", die Leviten. Er sei
maßgeblich schuld an der langen Zeit im Knast.
Das Agentenpaar, seit Ende Juli unter Auflagen aus
dem Gefängnis entlassen, leidet an den Folgen der
Haft. Nie wird Ida Mauss vergessen können, wie sie
fast neun Monate in einer 1,60 x 1,80 Meter großen
Zelle vegetieren mußte, umgeben von 130 Mörderinnen
und Giftmischerinnen.
Quälend sind die Erinnerungen an die endlose
Einsamkeit, an die Folter des systematischen
Schlafentzugs. Die 37jährige, eine quirlige
Italienerin, hat jetzt Wut abgelassen. In einem
offenen Brief an Ex-"Spiegel"-Reporter Hans
Leyendecker beklagt sie die "Pressekriminalität" des
Hamburger Magazins. Mehrere Artikel und insbesondere
ein von „Spiegel TV" ausgestrahlter Film, so
behauptet sie, „haben die kolumbianischen Behörden
irritiert und deshalb unseren Gefängnisaufenthalt
erheblich verlängert."
Die Vorgeschichte: Im November 1995 begleitete
Reporter Leyendecker mit mehreren Kollegen das
Ehepaar Mauss bei der Befreiung von zwei
italienischen Ingenieuren aus der ELN-Geiselhaft.
„Es wurde alles gefilmt“, schreibt Ida Mauss.
„Anstatt Trost zu erhalten, wurden die Befreiten
gnadenlos vor die Kamera gezerrt."
Vor Antritt der Reportage war vertraglich vereinbart
worden: Die Mauss-Beteiligung an der Freilassung
wird strikt geheimgehalten, Bilder und Filmaufnahmen
von dem Ehepaar dürfen unter Androhung einer
„Konventionalstrafe von 50.000 Mark pro
Zuwiderhandlung" niemals gezeigt werden. Als das
Agentenduo jedoch ein Jahr später im November 1996
in Medellin verhaftet worden war, berichteten
„Spiegel" und „Spiegel-TV" kurz darauf über den
konspirativen Mauss-Trip in den Dschungel.
Die
Folge: Fotos und Filme, die Werner und Ida Mauss
unter anderem bei der herzlichen Begrüßung von ELN-Kämpfern zeigten, wurden von der
Staatsanwaltschaft als klarer Beweis ihrer Kumpanei
mit der Guerilla bewertet. Plötzlich drohten den
Deutschen 60 Jahre Haft.
Ida Mauss beschuldigt ihren Duzfreund Leyendecker
persönlich, sie und ihren Mann Werner trotz eines
Ehrenworts für eine „Handvoll Dollar" verkauft zu
haben. Mit den Veröffentlichungen, behauptet sie,
habe man sie und ihren Mann "physisch, psychisch und
moralisch erledigen" wollen.
Wörtlich heißt es: „Du, lieber Hans, hast das
Geschäft Deines Lebens gewittert und den Film aus
dem Guerillacamp weltweit verkauft und so
zusammengeschnitten, daß wir dem Zuschauer als
Hauptdarsteller kriminalisierend präsentiert
wurden." |
Wie
sich der „liebe Hans" in Kolumbien benommen haben
soll, hat Ida Mauss nicht vergessen. Von den
ELN-Leuten um einen Beitrag zur deutschen Kultur
gebeten, heißt's in dem Klagebrief, „hast Du vor
mehr als 100 Guerilleros die kommunistische
Internationale angestimmt. In diesem Zusammenhang
kann ich mich noch gut an Deine Worte - links
denken, rechts leben - erinnern." Hans Leyendecker wies vergangenen Freitag die
Mauss-Beschwerde in einer kurzen Stellungnahme
zurück: „Es war nicht meine Entscheidung, und es lag
auch nicht in meiner Kompetenz, diese Bilder zu
bringen."
„Spiegel“- Chefredakteur Stefan Aust stand zu seiner
Story: „Nachdem Mauss verhaftet worden war und auch
seine Rolle in diesem Geiselbusiness bekannt war,
wäre es journalistisch unverantwortlich gewesen,
unser Wissen nicht zu veröffentlichen."
Mauss-Anwalt Egbert Wenzel, empört über die
„Preisgabe des Informanten-Schutzes", möchte die
Affäre auf seine Weise regeln: Er will den „Spiegel"
auf Schadenersatz verklagen. Es geht um Millionen.
Die Verbitterung über die Hamburger
Veröffentlichungsflut sitzt so tief, daß das Ehepaar
die Untersuchungen der letzten Wochen kaum noch
interessierte. Die vermittelte Freilassung der
entführten deutschen Manager-Ehefrau Brigitte Schöne
(FOCUS 48, 50/1996) gilt Beobachtern vor Ort nur
noch als Lappalie. „Die Akte wird in Kürze
geschlossen", sagt ein hoher Justizbeamter in
Bogota, „das Thema ist ausgereizt."
Die Eheleute Mauss sprechen heute von einer Falle:
Die auf lukrative Geiselbefreiungen spezialisierte
Londoner Firma Control Risks soll die
Antiterrorbrigade der Regierung gegen die lästige
Konkurrenz aus Deutschland aufgehetzt haben.
Zur Allianz der Verschwörer, neben Briten und
deutschen Journalisten, zählt das Agentenpaar auch
politische Hardliner in Bogotá, die den von Mauss
angekurbelten Friedensprozeß zwischen der
kolumbianischen Regierung und der Untergrundarmee
ELN torpedieren wollten.
Mit Erfolg: Die intensiv vorbereitete Unterzeichnung
eines Waffenstillstands, im Dezember 1996 unter der
Schirmherrschaft des Bundeskanzleramts in Bonn
geplant, platzte.
Doch Werner Mauss, von strenger Einzelhaft im
Hochsicherheitstrakt von Itagui scheinbar
ungebrochen, hat seinen Traum nicht aufgegeben.
Gleich nach Einstellung der Ermittlungen, so
verkündeten es seine Anwälte vorab, wollen sich der
Mann für gewisse Fälle und die taffe Ida erneut um
die Aussöhnung von Regierung und Untergrundarmee
bemühen.
Ein Troubleshooter wird dringend gesucht. „Kolumbien
hat genug von diesem entsetzlichen Blutvergießen.
Die Menschen sind hungrig nach Frieden", sagt Carlos
Villamil Chaux, der im vergangenen Jahr im geheimen
Regierungsauftrag nach Bonn kam. Der Vertraute des
Staatspräsidenten Ernesto Samper und frühere Konsul
in Berlin ist sicher: „Die Guerilla hat nach wie vor
den Friedenswillen. Und als geeigneten Vermittler,
dem sie voll vertrauen können, wünschen sie sich
ausdrücklich die deutsche Regierung."
Abwinken indes in Bonn - niemand will sich wegen
eines neuen Kolumbienabenteuers in den Medien
schelten lassen. „In unserer Außenpolitik haben wir
andere Prioritäten", betont ein Topbeamter des
Auswärtigen Amtes.
Das Zentralkommando der Guerilla setzt gleichwohl
auf alte Bonner Kontakte. Staatsminister und
Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer, so
kürzlich eine interne Erklärung der ELN, halte den
Schlüssel für den Frieden in der Hand. |